Gottesdienst in Pop
Gottesdienst in Pop? Was ist denn das? Diese Frage stellte sich mancher Gottesdienstbesucher am Sonntag Kantate, dem 2. Mai, als unsere Kantorei - mit Unterstützung des Singekreis der Bethlehemgemeinde - zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen hat.
Die Kirche war gut besucht, neben den bekannten und lieb gewordenen Gesichtern viele Junge. Vor dem Altar hatten die Mitwirkenden kaum Platz: Neben Kantorei und Singekreis fand auch eine Band ihren Platz. Und doch war es ein Gottesdienst, mit Liturgie, Predigt und Gebeten, alles nach Gottesdienstordnung.
Wir sprachen mit einigen Beteiligten.
Der Kantor
Holger Hildebrand leitet seit Herbst letzten Jahres unsere Kantorei. Der Gottesdienst in Pop war sein erstes großes, gemeindeüberschreitendes Projekt mit unserer Gemeinde.
Wie kam es zu der Idee, einen "Gottesdienst in Pop" zu feiern?
Gottesdienst ist für mich einer der zentralen Bestandteile des Gemeindelebens, und trotzdem spricht er oft nur eine vergleichweise kleine Gruppe an. So ist das Projekt und die Komposition "Ein Gottesdienst in Pop" der Versuch, die seit Jahrhunderten weitergegebenen Traditionen in moderne Musik zu kleiden und damit auch Menschen zugängig zu machen, die normalerweise einen Gottesdienst langweilig finden und meiden.
War es schwierig, die Mitarbeiter im Verkündigungsdienst davon zu überzeugen?
Im Gespräch mit Mitarbeitern und Pfarrern aus verschiedenen Kirchgemeinden habe ich meist Zustimmung gehört - Neues auszuprobieren ist längst kein Tabu mehr! Auf die richtige Mischung kommt es an - Neues probieren und Bewährtes pflegen, beides steht - nicht nur in der Kirchenmusik - gleichberechtigt nebeneinander.
Wie haben die Chormitglieder auf das Projekt reagiert?
Ein ähnliches Echo kam auch aus der Kantorei unserer Gemeinde: das Eine tun und das Andere nicht lassen. Unter dieser Maßgabe haben sich die Sängerinnen und Sänger gern auf das Experiment Popmusik im Gottesdienst eingelassen.
Gab es besondere Situationen während der Proben?
Für mich war es oft besonders spannend, weil ich nicht nur die Proben geleitet, sondern gleichzeitig auch für die Komposition verantwortlich gezeichnet habe. Da ist es besonders schön zu erleben, wie so ein Musikstück zu Leben erwacht und "funktionier".
Was hat besonders Spaß gemacht?
Der "Gottesdienst in Pop" war eine gemeinsame Aktion mit dem Singkreis der Bethlehemgemeinde - diese Zusammenarbeit habe nicht nur ich als große Bereicherung empfunden. Aus zwei kleinen Chören ist ein gemeinsamer größerer Chor entstanden und die Begeisterung hat sich potentiert. Außerdem waren die Proben mit der Band tolle Erlebnisse, weil Laien und professionelle Musiker sich wunderbar aufeinander eingestellt haben.
Was war schwierig?
Das Zusammenspiel von Chor und Band konnte nicht lange geprobt werden und der Einsatz von Mikrofontechnik war für manche eine große Hemmschwelle. Als Chorsänger hat man keinen kompletten Klangeindruck - abhängig vom Standort empfindet man das Schlagzeug, das Klavier oder die eigene Chorstimme als zu laut oder zu leise. Dabei hört die Gemeinde einen ausgewogenen Klang. Außerdem dauert es eine Weile, bis technisch alles gut eingestellt ist. Ich war froh, mit Marko Kronberg einen Profi auf diesem Posten sitzen zu haben.
Wünschen Sie sich / planen Sie eine Wiederholung?
Viele positive Reaktionen sprechen sehr dafür, gelegentlich einen Schwerpunktgottesdienst mit "moderner" Musik zu gestalten. Diese Idee könnte auch ein gemeinsames Projekt für die Schwesternkirchen werden. Schon eine kleine Tradition hat der Gospelgottesdienst am 3. Advent mit dem Gospelchor "open up wide" aus der Thomaskirche. Auch die allsonntäglichen Gottesdienste lassen sich durch ein oder zwei jüngere Gemeindelieder gut auflockern.
Gab es nach dem Gottesdienst Reaktionen aus der Gemeinde?
Was mich besonders gefreut hat: Gottesdienstbesucher aller Altersgruppen haben sich für diesen Gottesdienst begeistern können und positiv geäußert. Und auch wenn es manchem vielleicht zu laut war, stand das gemeinsame Feiern eines Gottesdienstes im Mittelpunkt.
Die Chorsängerin
Cornelia Marci Leistner
Wie war die Reaktion auf die Ankündigung unseres Kantors einen "Gottesdienst in Pop" zu feiern? Wie die anderer Chormitglieder, besonders der älteren?
"Oh, Klasse", dachte ich sofort, "mal was Neues, da bin ich sehr gespannt". Sicher gab es auch Skeptiker, aber insgesamt wurde es wohlwollend aufgenommen
Kam der Gedanke "Oh Gott, das schaffen wir nie"?
Das wir es nicht schaffen würden, dachte ich kein einziges Mal, weil die Stücke sehr eingängig sind und weil wir uns der Unterstützung vom Singkreis Betlehem sicher sein konnten.
Gab es besondere Situationen während der Proben?
Diese Proben waren immer etwas Besonderes, aber den Schlagzeuger in Extase zu erleben, war für mich die Krönung. Und das Saxophon- einfach himmlisch!
Was war besonders schwierig?
Schwierig war es manchmal, soviel Text auf so wenige Noten zu verteilen (z. B. beim "Kyrie") und dazwischen so gut wie nicht zu atmen (weil dafür keine Zeit blieb).
Was hat am meisten Spaß gemacht?
Die Hauptproben mit der Band in der Kirche, weil es da schon richtig gut klang.
Ist der Chor durch dieses Projekt mehr als vorher zusammengewachsen?
Gewachsen auf jeden Fall - ob auch zusammen kann ich nicht so gut beurteilen. Ich fühle mich jedenfalls wohl im Chor.
Haben sich die Mitglieder des Singekreises bei euch integriert - oder ihr bei ihnen?
Ich denke, wir haben uns gegenseitig gut aufgenommen, so dass sich keiner fremd fühlen musste.
Hattest du während des Gottesdienstes das Gefühl, dass die Gemeinde mit euch "mitgeht", sich anstecken lässt?
Die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher hat sich von unserer Begeisterung sicher anstecken lassen.
Wünschst du dir eine Wiederholung?
Unbedingt!
Gab es nach dem Gottesdienst Reaktionen aus der Gemeinde? Welche?
Eine Bekannte sagte zu mir, sie hätte während des gerappten "Schaffe in mir Gott ein reines Herze" eine Gänsehaut bekommen.
Glaubst du, dass durch den "Gottesdienst in Pop" mehr jüngere Leute in den Gottesdienst kämen? Oder lag die gute Beteiligung eher an der Uhrzeit?
Ich denke, dass so etwas auf jeden Fall auch jüngere Leute anspricht, die sonst nicht so oft oder gar nicht zum Gottesdienst kommen.
Zu guter Letzt: Mir hat besonders gefallen, dass hier nicht einfach ein Musikstück ans andere gereiht wurde, sondern dass es die gewohnte Liturgie war, die sehr erfrischend umgesetzt wurde.
Die Gottesdienstbesucherin
Ursula Rudolph
Wie war deine Reaktion, als du vom "Gottesdienst in Pop" hörtest? Was hältst du von der Uhrzeit (17 Uhr)?
Meine erste Reaktion war, "Gottesdienst in Pop" was ist das wohl? Wie "poppig" kann man einen Gottesdienst gestalten. Also ein großes Gefühl der Neugier. 17 Uhr finde ich eine gute Zeit für einen besonderen Gottesdienst.
Warum warst du an diesem Sonntag im Gottesdienst?
Aus Neugierde.
Wie empfandest du als Teil der Gottesdienstgemeinde den "Gottesdienst in Pop"?
Es war wohl nicht die typische Gottesdienstgemeinde die an diesem Sonntag in der Kirche war. Ich habe mich wohlgefühlt.
Was hat dir besonders gefallen? Was nicht? Und warum?
Ich fand es rundum einen gelungenen Gottesdienst. Das "Beichtlied" hatte einen sehr starken Text. Schade fand ich, das die Gemeinde weder das Glaubensbekenntnis, noch das Beichtgebet oder das Vaterunser mitsprechen oder -singen konnte.
Wünschst du dir eine Wiederholung?
Ja, aber sicher, vielleicht so im halbjährlichen Abstand.
Hattest du während des Gottesdienstes das Gefühl, dass die Gemeinde mit "mitgeht", sich anstecken lässt?
Ich denke die Gemeinde war schon dabei, auch wenn sie vielleicht äußerlich nicht so mitgegangen ist. Dazu wa es zu neu und eine gewisse Scheu vorhanden, ob man im Gottesdienst so "mitgehen" kann.
Gab es nach dem Gottesdienst Reaktionen aus der Gemeinde? Welche?
Ich habe nur positive Stimmen gehört.
Glaubst du, dass durch den "Gottesdienst in Pop" mehr jüngere Leute in den Gottesdienst kämen? Oder lag die gute Beteiligung eher an der Uhrzeit?
Ich denke ein guter Teil der Gemeinde waren Familie und Freunde der beiden beteiligten Chöre und der Band. Ob man damit jüngere Leute anzieht weiß ich nicht. Ich denke die Neugier spielt hier eine große Rolle.
Die Fragen stellte Matthias Rudolph
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