Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser,


Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!     Jesaja 60, 1

Mit einem Seufzer streckte er die Beine auf dem Sofa aus, trank einen Schluck Tee und nahm das Buch wieder zur Hand. Zum dritten Mal musste er heute schon die Heizung höher drehen. Die nasse Kälte von draußen schien sich bis in die Räu- me, bis in ihn selbst hinein auszubreiten. Das Deckenlicht brannte den ganzen Tag, denn richtig hell wurde es in diesen Tagen nicht. Er suchte die Stelle, an der er vorhin unterbrochen hatte und wollte weiterlesen. Aber nach wenigen Zeilen spürte er wieder diese Müdigkeit.

Eigentlich sollte er mal wieder rausgehen. "Jeden Tag ein paar Schritte?, hatte der Arzt gesagt, "das regt den Kreislauf an und ist gut gegen den Novemberblues."

Mache dich auf!

"Gut, dann soll es jetzt so sein." Er legte das Buch auf den Tisch und stemmte sich vom Sofa hoch. "Bevor ich jetzt hier einschlafe und dann wieder die halbe Nacht wach liege ..." Es dauerte, bis er Schuhe und Mantel angezogen hatte. Seit vor einem Jahr seine Frau gestorben war, brauchte er für alles viel länger. Im Frühjahr hatte ihn die Gartenarbeit auf Trab gehalten, im Sommer war er einige Zeit bei den Kindern, aber jetzt wurden ihm die Tage und jeder Handgriff immer schwerer. Vor der Tür blies ihm ein kalter Wind entgegen. Langsam setzte er sich in Bewegung.

... werde licht!

Foto: Jeannette Klinger
Erstaunlich - mit jedem Schritt fiel ihm das Gehen ein wenig leichter. Er sog die klare, kalte Luft tief ein. Unbewusst hatte er seine Schritte Richtung Innenstadt gelenkt. Wie lange hatte er keinen Schaufensterbummel mehr gemacht! Jetzt waren die Auslagen der Schaufenster hell erleuchtet. Er näherte sich dem Marktplatz. Die Kirchturmuhr schlug sechs. Kurz darauf begannen die Glocken zu läuten. Er hielt inne und lauschte. Samstagabend - die Glocken läuteten den Sonn- tag ein. Er lenkte seine Schritte Richtung Kirche. Auf den Treppenstufen vor dem hohen Portal standen sechs oder sieben junge Leute mit Trompeten und Posaunen in der Hand. Als die Glocken verklungen waren, begannen sie zu spielen. Wie aus einer anderen Zeit kamen ihm die Worte zu der Melodie in den Sinn: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr, der Herrlichkeit." Morgen ist der 1. Advent.

... denn dein Licht kommt!

Er blieb noch eine Weile stehen und hörte zu. Auf dem Heimweg summten die Melodien in seinem Kopf. Zuhause suchte er nach einer Kerze und fand sie schließlich unten in der Schublade. Einen grünen Zweig hatte er dem Strauch vorm Haus ab- geknipst. Kerze und Zweig legte er auf einen kleinen Teller und stellte ihn auf den Tisch. Er zündete die Kerze an und blickte zufrieden in die kleine Flamme.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen Gottes Geleit durch die vor uns liegende Adventszeit und beim Übergang ins Neue Jahr. Mögen kleine Aufbrüche auch Ihnen möglich sein.

Es grüßt Sie sehr herzlich auch im Namen von Pfarrerin Arndt, Pfarrer Dr. Amberg, Pfarrer Dr. Junghans und der Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher

Ihre Pfarrerin Christiane Dohrn








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