Geschichtliches aus der Versöhnungsgemeinde Leipzig
Aus der Baugeschichte
Erster Entwurf im Jahre 1915
Wettbewerbsausschreibung im Jahre 1928
Beginn der Bauarbeiten 1930 nach den Entwürfen des Architekten Hans-Heinrich Grotjahn
In einer damals erschienenen Veröffentlichung wurde diese Kirche als "Ein moderner evangelischer Kirchenbau" in herausragender Weise gewürdigt:
- Sie weist eine architektonische Geschlossenheit auf, die dieser Kirche den Ruf eines der wenigen Bauwerke eingebracht haben, die die Klassische Deutsche Moderne repräsentieren.
- Sie besitzt sehr wertvolle künstlerische Arbeiten von M. Alf Brumme.
- In ihr befindet sich eine bedeutende Orgel aus dieser Zeit.
Dieser schöne Kirchenbau ist auch ein Sinnbild sehr interessanter städtebaulicher Entwicklungen in Leipzig, die so hoffnungsvoll mit dem Bau der Leipziger Krochsiedlung begonnen hatten. Damit ist die Versöhnungskirche zurecht das Identitätszeugnis von Leipzig-Gohlis.
Ansprache von Prof. Dr. Kurt Meier zum Festgottesdienst am 17. März 2002 anlässlich des 70-jährigen Kirchweihjubiläums
Am 6. März 1932, am Sonntag Lätare, wurde unsere Versöhnungskirche eingeweiht. Das ist Grund genug, dankbar Rückschau zu halten. Pfarrer D. Johannes Herz, der seit 1915 Pfarrer in unserer Gemeinde war, sprach in seiner Predigt im Weihegottesdienst von einem "Lätare mitten in der Passion", von einem "Freudentag mitten in ernster und schwerer Zeit". "Nur wer mit unserer Gemeinde fast zwei Jahrzehnte lang auf den Bau einer Kirche gewartet und gehofft hat, wird ganz ermessen können, was es für unsere Kirche heißt und bedeutet: Wir haben nun eine Kirche, wir haben nun für unser Gemeindeleben einen sichtbaren Mittelpunkt. ( ...) Dass es trotz allem, was an gewaltigen und erschütternden Ereignissen über unsere Gemeinde in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens hinweggegangen ist, möglich war, diesen Bau durchzuführen und zu vollenden, darüber ist unser Herz heute voll Lob und Dank."
Anfang 1913 wurde unsere Gemeinde gegründet. Gohlis hatte sich nach Norden durch den rasanten Wohnungsbau der Jahrhundertwende und danach erheblich vergrößert - 40 000 Gemeindeglieder gehörten damals zur Gohliser Friedensgemeinde, 15 000 davon zu dem Gebiet nördlich der Wahrener Bahnlinie, das zum Parochialgebiet der neuen Kirchgemeinde wurde. Der Bau einer eigenen Kirche für die Gemeinde, die dann 1920 den Namen Versöhnungsgemeinde erhielt, wurde durch den 1. Weltkrieg unmöglich gemacht. Die darauffolgenden Jahre waren von Inflation und Wirtschaftsnot geprägt. Die finanziellen Fonds, die Ersparnisse der Gemeinde für einen Kirchenneubau, zerrannen in ein nichts.
Während der "kirchenlosen Anfangsjahre" unserer Gemeinde mussten die Gottesdienste in einem Schulsaal der IV. Bürgerschule (Ecke Hallesche Straße/Friedrich-Karl-Straße, heute: Schumannstraße/Ecke Sasstraße) gehalten werden - ohne Orgel und Glocken, mit einem Harmonium, in der zweiten Etage, mühsam zu erreichen für ältere Gemeindeglieder und ganz am Rande der Gemeinde, ja sogar etwas außerhalb der südlichen Gemeindegrenze und doch für zwei Jahrzehnte Stätte gottesdienstlichen Geschehens.
Der neue Bauplatz lag dann, bedingt durch den Wohnungsbau von Neugohlis bis hin zur Krochsiedlung in den endzwanziger Jahren durchaus zentral inmitten der Versöhnungsgemeinde und auf dem Scheitel des Geländes auch städtebaulich weithin sichtbar.
Die Zeit des Kirchenneubaus war eine politische und wirtschaftliche Krisenzeit. Unter der Überschrift "Gemeinde ohne Kirche" hat Pfarrer Dr. Steiner in der Festschrift 1932 die Situation so beschrieben: "Durch welche unruhige, wirre Zeiten ist unsere junge Kirche hindurchgegangen! Wer erinnert sich noch? Als wir 1920 die Konfirmation im Betsaal feierten, hallten die Schüsse der Maschinengewehre durch die Straßen unserer Stadt und floss das Blut des Bürgerkriegs". Es handelte sich um Auswirkungen des Kapp-Putsches in Leipzig. "Dann kamen die Jahre, da unser Volk unaufhörliche Drangsale und Demütigungen durch einen übermächtigen Sieger erfuhr. Es kamen Ruhrbesetzung, Inflation, Wohnungsnot und Teuerung. Aus einer Mark wurden Tausende, Zehntausende, Millionen, Milliarden und schließlich Billionen. Wir leben in einer Zeit außen- und innenpolitischer Spannung, wie nie zuvor. Im Innern führt ein hemmungsloser, leidenschaftlicher Kampf, der selbst die Jugend mitreißt, zu einer immer größeren unheilvollen Zerrissenheit und Zerklüftung unseres Volkes." Nach kurzer Scheinblüte Ende der 20er Jahre kam es durch die Weltwirtschaftskrise zu einem ungeahnten wirtschaftlichen Niedergang. Das einzige große industrielle Unternehmen unserer Gemeinde - die Firma Bleichert - stand vor dem Zusammenbruch: "Immer neue Gemeindeglieder werden in einen schweren Existenzkampf, in bitteres wirtschaftliches Elend gestürzt. Alle städtische Fürsorge und unsere eigene kirchliche Nothilfe sind dagegen wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Jugendjahre unserer Gemeinde waren von ungeahnten Stürmen und Gewittern der Weltgeschichte und der Volksgeschichte begleitet. Und dennoch ist unsere Gemeinde nicht nur geblieben, sie durfte auch werden und wachsen. Sie darf nach 19 Jahren in schwerer Zeit eine neue, schöne Kirche ihr eigen nennen."
Der Festpredigt am 6. März 1932 lag als Predigttext 2. Kor. 5, 18-20 zugrunde: Lasset Euch versöhnen mit Gott. Pfarrer Herz wies auf die Christusgestalt über dem Altar hin, die zur Versöhnung ruft. Auch die beiden Reliefs über dem Altar weisen auf die Versöhnung hin: "Ist diese Botschaft von der Versöhnung nicht die große Heilsbotschaft, die unsere zerrissene und ratlose Zeit braucht?" Pfarrer Herz sprach von den Weltkriegsgefallenen, fast 500 Väter und Söhne aus unserer Gemeinde, die uns mahnen: "Lasst Euch versöhnen. Lasst diesen Krieg mit seinen ungeheuren Blutopfern den letzten gewesen sein, lasst euch nicht wieder in ein solches Völkerringen hineintreiben, verbannt Hass und Neid, Misstrauen und Feindschaft, Macht und Gewalt aus dem Zusammenleben der Völker." Er spricht von den Zerrissenheiten im Leben der Gegenwart, angesichts der unheilvollen Kämpfe und Leidenschaften jener Jahre im öffentlichen Leben mit dem aufsteigenden Nationalsozialismus: Der 1933 an die Macht gelangende Nationalsozialismus führte den Kirchenkampf in Deutschland herauf. Die Volkstum und Nation in die Verkündigung einbeziehende Richtung der Deutschen Christen, die die Führung in einer dem NS-Staat verbundenen Reichskirche erstrebten, und die auf christozentrische Verkündigung bedachte Bekennende Kirche standen sich im Bekenntniskampf gegenüber. Als Deutschland in die Katastrophe des 2. Weltkriegs hineingeführt wurde mit all seinen furchtbaren Auswirkungen bis hin zum Völkermord, zum Genozid am europäischen Judentum, hieß es, nach dem Endsieg werde mit der Kirche Schluss gemacht"; der "Endlösung der Judenfrage" werden dann auch eine "Endlösung der Kirchenfrage" folgen müssen, hätten doch Christentum und Kirche ihre Wurzeln im Judentum.
Und so war es ein krisenbewusstes Memento, als 1932 an der Schwelle zum Dritten Reich bei der Einweihung unserer Versöhnungskirche Pfarrer Herz in seiner Predigt mahnte: "Lasst Euch versöhnen! (...) verbannt Hass und Neid, Misstrauen und Feindschaft, Macht und Gewalt aus dem Zusammenleben der Völker!" Die Pfarrer der Versöhnungsgemeinde sollen und wollen Botschafter der Versöhnung sein: "Wehe, wenn jemals von dieser Kanzel ein Wort des Völkerhasses, des Rassenhasses, des Klassenhasses erklänge. Dann wäre das Evangelium Jesu verfälscht!" Demgegenüber soll die Versöhnung Gottes mit den Menschen durch Christus zur Versöhnung und tätiger Nächstenliebe unter uns führen: "Das ist eine große, eine heilige, eine verantwortungsvolle Sache mitten in unserer wirren, zerrissenen, ratlosen Zeit."
Und Pfarrer Dr. Steiner, der am Abend des Einweihungstages die bau- und bildkünstlerische Sprache unserer Versöhnungskirche, ein "Meisterwerk neuzeitlicher Kirchbaukunst" vom Wort Gottes her deutet, weist darauf hin: "Unsere Gemeinde hat eine Kirche gebaut. Nun muss unsere Kirche sich eine Gemeinde bauen. - Der Kirchbau ist beendet, aber der Bau der Gemeinde, des Reiches Gottes hört nicht auf und muss immer wieder neu begonnen werden. - Baumeister und Künstler haben das Ihre getan, nun müssen wir das Unsrige tun und diesen Raum mit Geist und Leben erfüllen. - Die Weihe der Kirche ist vollbracht, aber die Weihe der Herzen in Gottesfurcht und Gottvertrauen, in Gebet und Flehen, in der Nachfolge Jesu und in der Heiligung unseres Lebens muss weitergehen und wird nie fertig werden."
Kurt Meier