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Geschichte der Furtwängler & Hammer - Orgel von 1932 |
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nach einem Beitrag des Orgelsachverständigen des Landesamtes für Denkmalpflege
Sachsen Horst Hodick |
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Die Orgel der Versöhnungskirche steht in engem Zusammenhang mit den
Bestrebungen der sog. "Orgelbewegung".
Ausgehend von im Elsaß um
1900
einsetzenden Reformbestrebungen
im Orgelbau kam es nach dem ersten Weltkrieg zu einer weitgreifenden
Umorientierung im Orgelbau.
Während bis dahin überwiegend hochtechnisierte Instrumente
mit orchestralem Klang für den zeitgenössischen Orgelbau
prägend waren, rückten nun neue,
vom Orgelbau des 17. und 18.
Jahrhunderts abgeleitete Ideale
in den Mittelpunkt des Interesses. |
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| "Wie es den Komponisten heute treibt, das Tonmaterial anders zu ordnen als früher, so muß auch der Bau von Instrumenten (...) zu neuen Klangformen führen. (...) Im Blick auf die Meisterwerke der Orgelbaukunst, z.B. eines Scherer, Schnitger, Silbermann oder auch der großen süddeutschen Orgelbauer, kann nicht anders als zugegeben werden, daß wir erst wieder am Anfang stehen. Das Bewußtsein dieser Situation aber, daß ein weiterer notwendiger Schritt getan werden durfte, und das deutliche Sehen der Wege, die zunächst eingeschlagen werden müssen, läßt uns die Frucht dieser Arbeit erhoffen: eine Orgel für unsere Zeit, als echtes Kunstwerk ein Zeugnis der Größe und Güte Gottes." |
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| Zitiert nach: Ich lasse mir meinen Traum nicht nehmen. Dem Künstler, Musikpädagogen und Orgelarchitekten Herbert Schulze zum 100. Geburtstag. Berlin 1995, S. 21-22 |
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| Im Nachlaß des Leipziger Organologen Paul Rubardt in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden befinden sich zahlreiche Hinweise zur Planung und zum Bau der Versöhnungskirchen-Orgel [Da noch nicht das gesamte Quellenmaterial gesichtet wurde, kann nur ein vorläufiger Entwurf zu einer Geschichte der Orgel der Versöhnungskirche Leipzig-Gohlis versucht werden.]. Rubardt war von Herbert Schulze, der zu den originellsten deutschen Orgelplanern des 20. Jahrhunderts zählt, in die Planung der neuen Orgel einbezogen worden. Zwischen Schulze, dem Kirchenvorstand der Gemeinde und dem Ev.-Luth. Landeskonsistorium hatten sich Spannungen aufgebaut, die ursächlich mit der von Schulze gewünschten ungewöhnlichen klanglichen und technischen Gestalt der Orgel und mit der Einflußnahme des landeskirchlich beauftragten Sachverständigen Günter Ramin zusammenhingen. Am 1.5.1931 begründete der Kirchenvorstand seine Haltung gegenüber dem Landeskonsistorium folgendermaßen: | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| "Die Orgel versucht die bisher in der Orgelbewegung gemachten Erfahrungen (...) zusammenzuführen. Ihr Plan wird wahrscheinlich nicht nur für Leipzig und Sachsen, sondern überhaupt für die nächste Zukunft der Orgelbewegung von Bedeutung sein, wenn es gelingt, denselben in klanglicher und künstlerischer Beziehung möglichst vollendet durchzuführen." | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| U. a. versuchte man mit diesem Schreiben, die von Ramin vorgesehenen Dispositionsänderungen rückgängig zu machen. Wie schwierig die Durchsetzung der von Schulze initiierten avantgardistischen, sich in mehreren Aspekten (Schleiflade, Intonation, mechanische Traktur) jedoch auf die Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts zurückbeziehende Orgelplanung war, wird in einem Brief vom 6.4.1931 von Rubardt an Mahrenholz deutlich: | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| "Ferner sollen ganz sicher Schleifladen und, wenn irgend möglich,
auch mechanische Traktur gebaut werden.
Nur weiß man nicht, ob überhaupt ein moderner Orgelbauer noch
gute mechanische Trakturen bauen kann. (...)
Ich muß Schulze bewundern! Noch nie habe ich einen Menschen in unserer Zeit gesehen, der um der Sache willen so konsequent vorgeht und auch nicht eine einzige Konzession macht, selbst wenn er sich dadurch persönlich nützen könnte. (...) Auf Seiten Schulzes steht bis jetzt eigentlich niemand! Selbst in der Gemeinde hat er keine Anhänger. Er ist den Leuten zu unbürgerlich; man fürchtet anscheinend, durch ihn eine Orgel zu bekommen, die dieser 'schrecklichen mißtönenden modernen Musik' gleicht, wie sie Schulze in seinen Klavierabenden fast ausschließlich spielt. [Schulze spielte in seinen Klavierabenden u.a. Skrjabin, Schönberg, Krenck, Hindemith und Strawinsky. Vgl.: Ich lasse mir meinen Traum nicht nehmen. Dem Künstler, Musikpädagogen und Orgelarchitekten Herbert Schulze zum 100. Geburtstag. Berlin 1995, S. 4] (...) Selbst Ramin sagte mir etwas ironisch, er wolle bei einer Orgel das 'Pathetische' nicht vermissen!!! Wenn man natürlich solchen Standpunkt vertritt, dann ist es schwer, sich für eine Orgel zu interessieren, die jenseits aller Kompromisse stehen und wirkliches Neuland sein will." |
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| Dieses "Neuland" hatte auch Carl Elis fest im Blick, der von Schulze die Ausschreibungsunterlagen zum Orgelneubau zur Begutachtung erhalten hatte und sich nun an Rubardt wandte: | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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"Wie rückständig müssen Sie doch in Sachsen sein,
daß bei Ihnen noch sechs freie Kombinationen und sogar noch
der Rollschweller verlangt werden!
Verzeihen Sie, wenn Ihre heiligsten Gefühle verletzt werden; aber
das sind Dinge, die jetzt aus der Mode sind.
Traktur 'pneumatisch oder(!) elektrisch'.
Auch das so eine Antiquität.
Selbst kleine Firmen sind doch heute von der Pneumatik ab. (...)
Bleibe also diskutierbar: elektrisch.
Schön, - es gibt aber etwas noch schöneres: mechanisch; und das
ist außerdem das Allermodernste."
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| Nachdem ab etwa 1890 im deutschen Orgelbau fast ausschließlich pneumatische Trakturen gebaut worden waren, war es bis 1930 erst bei kleineren Instrumenten wieder gelungen, eine sensible mechanische Traktur, wie sie die Instrumente des 18. und frühen 19. Jahrhunderts besaßen, neu zu bauen. So befand sich z.B. bis zur Fertigstellung der großen Orgel ein kleines von Paul Ott in Göttingen gebautes mechanisches Instrument (Opus 1) in der Versöhnungskirche. Vermutlich konnte eine mechanische Traktur bei der großen Orgel wegen der damals unüberwindlich erscheinenden technischen Schwierigkeiten nicht ausgeführt werden. Die Firma Furtwängler & Hammer baute das Instrument mit Schleifladen, die von einer elektrisch angespielten pneumatischen Maschine gesteuert wird. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Zur äußeren Gestalt der Orgel |
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Der von dem Kirchenarchitekten Hans Grotjahn entworfene Prospekt der Orgel
ist sehr ungewöhnlich, da er keine sichtbaren Pfeifen enthält.
Die Vermutung, der Architekt habe die Orgel schlichtweg
"vergessen" und sie deshalb in einem Seitenraum ohne
Pfeifenprospekt versteckt, ist falsch.
Grotjahn zielte bei der Gestaltung der Versöhnungskirche darauf ab,
den verwendeten architektonischen Formenapparat auf ein Minimum zu
reduzieren, in dem er fast ausschließlich mit der monumentalen
Wirkung von geraden Flächen und rechteckig eingeschnittenen
Öffnungen arbeitete.
Als einziges schmückendes Element treten Rahmungen von Flächen
durch schmale Bänder in Erscheinung.
Der funktionale und tektonische Aspekt der Architektur, d.h. die
Sichtbarmachung von Lasten und Last-tragenden Elementen durch Sockel,
Pfeiler, Säulen und Gebälk wird von Grotjahn - sicher
beeinflußt durch die eingesetzte Technik der
Stahlskelettbeton-Konstruktion - auf eine vor allem graphische,
flächengegliederte Funktion reduziert.
Ähnlich geht Grotjahn bei der Gestaltung des Orgelprospekts vor:
Die Ansicht der technischen bzw. funktionalen Elemente der Orgel -
das sind vor allem die Pfeifen - reduziert er auf ein graphisches Muster
aus Flächen und Öffnungen.
Er transportiert jedoch die optische Wirkung eines herkömmlich
gestalteten Orgelprospekts, der aus einer Aneinanderreihung
unterschiedlich langer Pfeifenkörper mit schräg an- oder
absteigenden Pfeifenmündungen in mehreren Gruppen (Teilwerke)
besteht, in ein auf Flächen und Öffnungen reduziertes
hölzernes Gitterwerk mit graphisch-ornamentalem Charakter
[Das Gitterwerk, das zunächst aus Beton
hergestellt werden sollte, wurde vermutlich aus akustischen Gründen
in Holz ausgeführt.].
Der Orgelprospekt unterliegt somit den gleichen gestalterischen Grundlagen
wie der gesamte Bau und ist über die Rolle eines reinen
Ausstattungsstückes hinaus zu einem wesentlichen Bestandteil
der Architektur geworden.
Nur selten ist eine so weitgehende Übereinstimmung zwischen den
gestalterischen Grundsätzen eines Raumes und eines Orgelprospekts
zu finden.
Es muß als ein ausgesprochener Glücksfall bezeichnet werden, daß die Orgel der Versöhnungskirche bis heute weitgehend unverändert erhalten ist. Sie ist ein wichtiges historisches Zeugnis des Orgelbaus des 20. Jahrhunderts. |
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| gebaut 1932 von der Firma Furtwängler & Hammer (Hannover), Disposition von Thomaskantor Prof. Günter Ramin, 33 Register, 2458 Pfeifen, elektrische Traktur und Gebläseanlage, übliche Koppeln, 4 freie Kombinationen, sonstige Spielhilfen, Schleifladen (Originaltext einer alten Druckschrift) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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