Unsere Versöhnungskirche gilt vielen Kennern als das umstrittenste sakrale Bauwerk Deutschlands. Wer sie sich angesehen hat, weiß, warum das so ist.
Aber wir finden bei Kennern von Sakralbauten auch folgendes Zitat:
«Man muß der Kirche in Gohlis das Zeugnis geben, daß es eine theoretisch und praktisch sorgsam durchdachte Leistung ist. Architekt und Bauherrin haben hier mit kongenialem, verständnisvollem Können zusammengearbeitet und ein edles Werk geschaffen, das ihnen Ehre macht und dem wegen seiner Einheitlichkeit und Harmonie von Kunst und technischer Zweckerfüllung ein hoher Rang zuerkannt werden muß.» (Paul Brathe: Zwei neue evangelische Kirchen in Leipzig. In Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst 40 (1935) S. 51 f., zitiert aus "Stadt Leipzig - Die Sakralbauten II",
S. 1136 f)Werfen Sie einen Blick auf den Querschnitt des Kirchenraumes und überfahren Sie bitte die Flächen mit der Maus:
Was hier auch an Gemeinschaftsräumen gebaut wurde, ist ein Beispiel für den Funktionalismus dieser Zeit und weist ganz klar daraufhin, dass die Kirche als Gemeindezentrum für Neu-Gohlis gedacht war, also für die Krochsiedlung und die nach der Machtübernahme durch die Nazis nicht mehr gebaute Gartenstadt als Erweiterung der Krochsiedlung in Richtung Süden. Siehe dazu auch die Unterlagen beim Bürgerverein Krochsiedlung e. V. zur Ausschreibung und zu den für die Bebauung insgesamt vorgesehenen Flächen.
Unter Verzicht auf solch polarisierende, aber den kulturhistorischen Wert der Versöhnungskirche unterstreichende Aussagen die wichtigsten Daten:
Zusammengestellt von Heiner DarreDie Versöhnungskirche wurde von 1930 bis 1932 nach einem Entwurf des Architekten Hans Heinrich Grotjahn erbaut. Aufgrund der Gegebenheiten des Bauplatzes verzichtete man auf die im Kirchenbau übliche Orientierung (östliche Lage des Chores). Die Kirche erstreckt sich in Süd-Nord-Richtung. Sie entstand in bewusster Modernität als Stahlbetonskelettbau. Die Eingangsseite hat in ihrer Mitte ein als Kreuz gestaltetes farbig verglastes Fenster, unter dem sich ein Ehrenhof befindet. An der Nord-West-Seite steht der 43m hohe, durch Fensterbänder vertikal gegliederte Turm. Dem Eingangsbau, der eine Vorhalle, die Treppenhäuser und unter-schiedlich nutzbare Räume enthält, schließt sich der Kirchsaal an. Das Innere besticht durch Weiträumigkeit und Monumentalität. Die Deckengestaltung des in der Mitte erhöhten Raumes vermittelt den Eindruck funktionaler Sachlichkeit. Erhellt wird das Kirchenschiff von farbigen, vertikal gegliederten Fenstern. Einschließlich der Empore bietet die Kirche 700 Sitzplätze. Den Zielpunkt des Raumes bildet eine Nische, in der der blockförmige Altar steht. Darüber befindet sich eine Sandsteinplatte mit den Reliefs des verlorenen Sohnes und des barmherzigen Samariters. In der Mitte wird der Altar von einer monumentalen Christusstatue überragt. Die Kanzel ist in die linke Wand integriert, während die rechte Wand vor der Altarnische ihren Akzent durch das ornamentale Gitter der Orgelverkleidung erhält. Unterhalb der anschließenden Orgelempore liegt die Feierkirche, ein vom Schiff aus zugänglicher kleiner Gottesdienstraum, der für Andachten, Trauungen oder Taufen gedacht ist. Szenisch gestaltete Fenster geben dem Raum sein Gepräge. Die bildkünstlerische Ausstattung schuf der Bildhauer Max Alfred Brumme. Sein Künstlername, der sich auf vielen seiner Kunstwerke befindet ist: M Alf Brumme. Die Fenster entstanden nach Entwürfen von Odo Tattenpach und Curt Metze. Die Versöhnungskirche ist einer der wenigen, bedeutenden Kirchenbauten der klassischen Moderne Deutschlands. Das Bemühen um einen zeitgemäßen, architektonischen Ausdruck ist hier in der Verbindung von Funktionalität und Ästhetik überzeugend gelungen. In einer damals erschienenen Veröffentlichung wurde diese Kirche als "Ein moderner evangelischer Kirchenbau" in herausragender Weise gewürdigt. Dieser schöne Kirchenbau ist auch ein Sinnbild sehr interessanter städtebaulicher Entwicklungen in Leipzig, die so hoffnungsvoll mit dem Bau der Leipziger Krochsiedlung begonnen hatten. Damit ist die Versöhnungskirche zurecht das Identitätszeugnis von Leipzig-Gohlis.