Du stellst meine Füße auf weiten Raum · Erlebter Kirchentag


Unter diesem Motto hat uns der Kirchentag dieses Jahr nach Frankfurt am Main gerufen. Es war der

29. Deutsche Evangelische Kirchentag

und der erste in diesem Jahrtausend.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum, so dachte ich auch, als ich die Tagungsunterlagen mit dem 512 Seiten umfassenden, interessanten Programm in die Hand bekam und sich mir damit die Frage stellte: wohin wirst du deine Füße lenken? Zunächst einmal führten sie mich in unsere Partnergemeinde nach Dreieich-Sprendlingen zu meinen Quartiergebern, der Familie Herzog, bei denen ich eine überaus herzliche Aufnahme fand obgleich wir uns, außer bei einem kurzen Telefonat noch nie zuvor begegnet waren.

Am Römer erlebte ich dann den zentralen Eröffnungsgottesdienst mit der Predigt zum Psalm 31,9 von Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacher aus Darmstadt. Spätestens hier war es dann erst mal vorbei mit dem "Weiten Raum für meine Füße". Dicht an dicht drängten sich die Kirchentagsbesucher, um die Eröffnung hier am zentralen Ort mitzuerleben. Und bei der Gebetsmeditation mit Nadia Kevan zu den Klängen von Giora Feidman konnte man mit etwas Geschick doch immer noch die Hände nach oben ausstrecken. Natürlich ist der Raum, in den wir gestellt sind eine Herausforderung, ein Wagnis. Die Gefahren, die dieser Raum für uns als Einzelnen und als Gesellschaft bietet, sind unermeßlich, die Freiheit, die wir andererseits besitzen, ist groß. An uns liegt es, wie wir als Christen diesen Raum, in den wir gestellt sind, mit Leben füllen, wie wir uns in unserer Freiheit, die wir haben, einbringen und einmischen.

So entstanden aus der Kirchentagslosung heraus auch die drei großen Themenbereiche "In Vielfalt glauben", "In Würde leben" und "In Freiheit bestehen". Da der liebe Gott auch auf diesem Kirchentag mit dem schönen Wetter nicht gespart hatte, bot es sich natürlich an, die Bibelarbeit im Freien, am Römer zu erleben. Am Donnerstag lauschten wir den Auslegungen von Dorothee Sölle zum Psalm 118 unter der Überschrift: "Gottes Freundschaft ist von Dauer". Die Liebe Gottes, die Freundschaft Gottes ist von Dauer, er verläßt uns nicht, auch wenn es uns oft so vorkommt. Wir müssen nur seine Hand ergreifen, die er uns reicht. Interessant waren dann die Vorträge und Podiumsgrspräche zum Themenbereich 1 mit Dr. Michael Naumann, Wolf v. Lojewski, Wolfgang Thierse, Petra Pau von der PDS u.a. unter der Überschrift: "Was erwartet die säkularisierte Welt von der Christenheit" bzw. "Erwartungen an das Christentum". Übereinstimmend bei allen Gesprächspartnern war, wir Christen müssen in viel stärkerem Maße aus unseren Kirchen heraustreten in die Öffentlichkeit und uns einmischen in die Belange des gesellschaftlichen Lebens, der Politik, der Wirtschaft, Industrie, Forschung und Entwicklung um der Gesellschaft willen. Denn geglaubter Glaube ist nicht alles, Glaube muß auch gelebt werden.

Am Freitag erlebten wir die Bibelarbeit mit Friedrich Schorlemmer zum 1. Mos. 12, als Abraham und Sara aus Haran nach Ägypten zogen und Abraham sein Weib um seiner Sicherheit willen an den Hof des Pharao gibt. Wie oft eigentlich haben wir in unserem Leben mit Halbwahrheiten, mit Notlügen versucht, unseren Lebensweg selbst zu regeln, uns abzusichern?

Nach einem Podiumsgespräch am Vormittag unter dem Thema: "Wieviel Einheit braucht das Land", welches von einem Schülerkabarett eingeleitet wurde, und der Fortsetzung unter der Überschrift: "Wie geht es weiter mit Deutschland?", u.a. mit Regine Hildebrand, wurde diese Diskussionsrunde am Nachmittag fortgesetzt, bevor dann am Abend das Feierabendmahl gemeinsam mit der Versöhnungsgemeinde von Sprendlingen den Tag beschloß.

Dieses schöne Fest stand im Zeichen der Ökumene unter Mitwirkung der katholischen und der methodistischen Gemeinde. In der Predigt, wie sollte es in einer Stadt der Banken auch anders sein, ging es um die Geschichte des goldenen Kalbes im 2. Mos. 32. Wie oft tanzen wir eigentlich in unserem Leben, in unserem Alltag, ums "Goldene Kalb", wie oft lassen wir uns von ihm blenden?

Nach der Agapefeier fanden bei Schmalzstullen und Apfelwein angeregte Gespräche mit Gastgebern und anderen Gästen statt. So trafen wir auch Gäste aus Nürnberg und Leipzig, denen wir zuvor noch nie begegnet waren. Unser Posaunenchor gab dem Fest die musikalische Umrahmung.

Am Samstag hörten wir die Auslegung zu Mark. 5,21-43 von Prof. Steffensky, die Geschichte von den Wundern Jesu an der blutflüssigen Frau und der Tochter des Synagogenvorstehers.

In seiner Bibelarbeit ging Prof. Steffensky auf die Fragen nach Krankheit, Armut und Untergang im Zusammenhang mit Schuld, auf die Hoffnung aus dem Glauben heraus ein. Aus dem Glauben heraus können wir aufstehen aus unserer Lethargie, unserer Gleichgültigkeit. Der Samstag gehörte dann der Themengruppe 3: "In Freiheit bestehen". In seinem Vortrag zum Thema: "Freiheit und Versöhnung" ging Prof. Neville Alexander aus Kapstadt auf den derzeitigen Stand der demokratischen Entwicklung in Südafrika ein und legte die Gründe dar, die den kontinuierlichen Fortgang der Entwicklung gesellschaftlicher Gleichberechtigung im Lande hemmt.

Der Nachmittag stand dann unter dem Thema: "Den Sumpf der Gewalt austrocknen". In einem Podiumsgespräch äußerten sich u.a. Prof. Dr. Thomas Hoppe, Bischöfin Wartenberg Potter sowie Bischof Dr. Franz Kamphaus zu Fragen nach den Ursachen von Gewaltanwendung, Menschenrechtsverletzung, was müssen wir Christen und was muß die Gesellschaft tun. Allein verbale Bekundungen, die in allen möglichen Situationen zugunsten von Vorteilen in der Wirtschaft umgangen und überspielt werden, reichen nicht mehr. Hier muß hinterfragt werden, ob die Menschenrechtspolitik der BRD noch ausreichend ist. Für die Christen ergibt sich daraus, einen gemeinsamen Weg zur Stärkung der ökumenischen Arbeit auf dem Gebiet der Gewaltminderung zu beschreiten, z.B. Einwirkung auf Publikationen von Gewaltbildern und Gewaltverherrlichung.

Und dann kam der Sonntag mit dem großen Abschlußgottesdienst des Kirchentages im Waldstadion von Frankfurt. Wenn sich auch im Vorprogramm noch ein paar Regentropfen zur Erde hin verabschiedet hatten, so lag doch Sonnenschein während des Gottesdienstes über dem Stadion und in den Herzen und Gemütern der 60 bis 70 Tausend im Stadion. Es war alles in allem ein gelungenes Fest unter der Überschrift "Ein Traum von Stadt", mit der Predigt von Prof. Dr. Elisabeth Parmetier aus Straßburg.

Gerhard Eckart