Bericht der Leipziger Volkszeitung am 10.Dezember 2001


Ausstellung in der Leipziger Versöhnungskirche zeigt die lange Geschichte einer erzgebirgischen Weihnachtsdekoration



Schwibbogen Nummer eins war ein Werbegeschenk

So was Buntes haben Sie noch nicht gesehen: Neugierig begucken sich Maria (li.) und Hans-Jürg Sittauer mit Enkelin das Exemplar aus der Spielzeugstadt Seifen                         Fotos: André Kemper / LVZ

Da sind sogar die Ausstellungs-Macher Marcus Graupner (li.) und Martin Klein beeindruckt: Dieser Schwibbogen aus Holz setzt sich aus mehreren Ebenen Zusammen, lässt das Motiv dadurch räumlich wirken.





Aus den festlich geschmückten Fenstern der Leipziger sind Schwibbögen nicht mehr wegzudenken. Die Vielfalt kennt keine Grenzen. Nicht weniger bunt geht es auf einer Ausstellung zu, die derzeit in der Gohliser Versöhnungskirche zu sehen ist. Von Holzschnitzereien bis zum Klöppelhandwerk reicht die Palette - es gilt, eine über 200-jährige Geschichte zu erzählen.
Seit September schon beackerten die Gohliser Gemeindemitglieder das weite Feld der Schwibbögen, suchten nach Ursprüngen, Grundmustern, Entwicklungen. Und wurden fündig: "Der Name ist abgeleitet vom Schwebebogen, dem Stützbogen zwischen zwei Mauern", erzählt Pfarrer Sieghard Mühlmann. "Er geht zurück auf das Stollenmundloch der erzgebirgischen Gruben." Schon vor Jahrhunderten wurde

der bogenförmige Stolleneingang zur Weihnachtszeit geschmückt. Später dann hingen die Kumpel in den Zechstuben ihre Grubenlampen in Hufeisen-Form an die Wand, wenn sie am 24. Dezember ihre Bergmette feierten.
"Ein Berg- und Hufschmied namens Teller hatte schließlich die zündende Idee", berichtet Mühlmann weiter. Der Mann aus Johanngeorgenstadt nahm sich das Halbrund zum Vorbild und fertigte 1778 einen Leuchter mit Adam- und Eva-Motiv sowie mehreren Kerzenhaltern. Der Schwibbogen war geboren. "Dass Tellers Erfindung mal so populär wird, dürfte er damals allerdings kaum geahnt haben."
Die Ausstellung in der Versöhnungskirche zeigt Varianten der beliebten Dekoration. Die Gemeindemitglieder haben sie alle

zusammengetragen: Miniaturmodelle in der Vitrine, ein riesiges Exemplar draußen überm Eingang, der Schwibbogen in der Ecke filigran aus Holz geschnitzt, ein anderer in Massenproduktion aus Metall gestanzt. Der nächste wurde gar geklöppelt. "Dafür hat unser Klöppelkurs selbst Hand angelegt und viele Stunden gebraucht. Die Motive sind originalgetreu von Vorlagen übernommen."
Staunend bleibt die siebenjährige Marie Neumann vor einem ungewöhnlichen Schwibbogen aus Seiffen stehen, den statt der üblichen Figuren Feuerwehrauto und Eisenbahn zieren. Ihr Großvater, Hans?Jörg Sittauer, lächelt und gerät selbst ins Staunen: "Diese Vielgestaltigkeit ist zweifelsohne beeindruckend." Mehrfach haben sich im Laufe der

Zeit die Motive gewandelt. Adam und Eva aus den Anfangsjahren der Schwibbögen machten ab etwa 1830 den Bergleuten Platz die Heimat rückte in den Vordergrund. Doch dass die erzgebirgische Weihnachtsdeko heute auch viele Kilometer entfernt in den Fenstern steht, ist im wesentlichen einer Leipzigerin zu verdanken. Pfarrer Mühlmann weiß: "Die Illustratorin Paula Jordan kreierte 1937 einen ganz neuen Entwurf als Werbesymbol für eine Erzgebirgs-Ausstellung." Neben den Bergleuten sind dort Engel, Schnitzer und Klöpplerin zu sehen. "Die Werbung ging auf, die bogenförmigen Leuchter sind nun weltbekannt." Trotzdem vergisst man in der Heimat ihren Ursprung nicht: Johanngeorgenstadt nennt sich heute mit stolzer Brust "Stadt der Schwibbögen".


Kay Würker