Marlene Lipski im Gespräch über Ihre Kindheit und Jugend in Leipzig und ihre Beziehung zur VersöhnungsgemeindeFrau Lipski, Sie haben seit 1998 ein Studio im Turm unserer Kirche. Warum Leipzig und warum unsere Kirche? Ihr Vater war in unserer Gemeinde als Pfarrer tätig. Wann war das? Das muss von 1956 bis 1968 gewesen sein. Ich bin in Leipzig aufgewachsen, wurde 1953 in Leipzig eingeschult. In diesem Jahr sind meine Eltern aus der Mark Brandenburg nach Leipzig gezogen. Ich betrachte es als eine Art "Geburtsfehler", dass ich nicht in Leipzig geboren wurde. Ich war vor meiner Einschulung ein glückliches Dorfkind, doch dann hat diese Stadt mich geprägt. M ihren Denkmalen und den vielen Löwenplastiken. Ich kann mich noch gut an diese Kindheitseindrücke erinnern, sie waren auch ein Verlust dörflicher Freiheit, aber der Ersatz war ja diese auch damals lebendige Stadt, in der viel los war, in der es in jeder Ecke Thüringer Bratwurststände gab und die wunderbare Sitte, dass man Schlagsahne in zwei Eiswaffeln kaufen konnte. Als ich dann etwas älter wurde, in der Leibnitz-Grundschule, hatte Leipzig die schöne Einrichtung, dass Kinder an bestimmten Tagen im Museum keinen Eintritt zahlen mussten. Und so habe ich angefangen da allein hinzugehen und man ließ mich immer hinein. Welche Museen haben Sie damals interessiert? Vor allem das damalige Dimitroffmuseum, das ist die Sammlung, die jetzt im Museum der bildenden Künste ist und die ich gut kenne. Ich bin mit den Sachen aufgewachsen! Manches vermisse ich. Eines ist wieder aufgetaucht: Die Löwin von Gaul (August Gaul, 1869-1921, deutscher Tierbildhauer; MR), eine wundervolle Bronzefigur, eine schlanke Löwin, die steht jetzt wieder im Museumscafe, dort ist eine Wand eingerichtet, die den Plastiken des Bildhauers Gaul gewidmet ist. Als Kind war ich ein so häufiger Gast im Dimitroffmuseum, dass mich die Garderobenfrauen auf der Löwin sitzen ließen. Wie kam es, dass Ihr Vater nach Leipzig an unsere Gemeinde kam? Mein Vater war 1901 geboren, also 1956 schon ein Mann mit sehr viel Lebenserfahrung. Er ist vor der Versöhnungsgemeinde drei oder vier Jahre an der Lukasgemeinde gewesen. Wir sind aus Jakobsdorf, nahe Frankfurt/Oder hierher gezogen, weil meine Eltern wollten, dass wir in einem kulturell geprägtem Umfeld aufwachsen. Wo hat Ihre Familie damals gewohnt? In der Ritterstraße 5, gegenüber der Nikolaikirche. Da sind heute noch diese tiefen Klingellöcher in der Tür. Das fand ich als Kind spannend, weil ich nicht heran kam: man klingelte, indem man mit dem Finger in ein tiefes Loch fuhr. Die Tür war sehr dick und die Klingel hinter der Tür. Ein findiger Mensch hat drei große Löcher gebohrt, und so musste man mit dem Finger in das Loch um zu klingeln. Die Löcher gibt es heute noch. Es war ein großes Haus, städtisch verwinkelt. Da haben wir gewohnt und mein Vater fuhr jeden Tag mit der Straßenbahn nach Gohlis. Wie war damals Ihre eigene Verbindung zur Versöhnungsgemeinde? Meine Eltern haben keinen Zwang auf mich ausgeübt und so bin ich als Kind auch gern in die Nikolaikirche zum Kindergottesdienst gegangen, weil mich als Kind dieses märchenhafte Innere der Kirche sehr angesprochen hat. So optisch war ich wohl schon von Geburt an veranlagt, dass ich gerne da gesessen und mir die Palmen angeguckt hab. Ich war aber auch in der Versöhnungskirche und da hab ich mir eben die beiden braunen Bilder vom Prof. Brumme angeschaut. Ich muss ehrlich sagen: hat nicht so viel hergegeben wie die Palmen. Bei mir war das als Kind genau umgekehrt: Für mich war unsere Kirche der Maßstab. So sieht eine Kirche aus. Alle anderen waren keine richtigen Kirchen. Nun, ich hatte ja vorher die ersten sechs Lebensjahre die kleine Dorfkirche, die war sehr gemütlich, diese typischen brandenburgischen Backsteinkirchen. Für die Modernität der Versöhnungskirche musste ich erst heranreifen. Die habe ich erst als fast Erwachsene zu schätzen gewusst, als ich dann etwas über das Bauhaus wusste und über Architektur. Dann hat mir diese schlichte Architektur auch sehr gut gefallen. Aber als Kind hatte ich es gern märchenhaft. Meine Eltern haben mich auch ab und zu in den großen Gottesdienst mitgenommen, aber wenn sie konnten, haben sie mich lieber im Garten abgestellt. Ich war wohl sehr lebhaft. Der Garten war auch ein schöner Ort. Da wo heute das Pfarrhaus steht, da hatten wir unsere Erdbeerbeete Wie ging es nach der Ausreise Ihrer Eltern mit Ihnen weiter? Meine Eltern sind 1969 legal als Rentner aus der DDR ausgereist. Ich habe weiter in der Ritterstraße gewohnt. Die große Wohnung wurde geteilt, da wohnte dann der ehemalige Studentenpfarrer mit seiner Frau. Ich durfte zwei Zimmer behalten und habe bis zu meinem gescheiterten Fluchtversuch dort gewohnt. Solange ich noch in die Junge Gemeinde ging, hatte ich recht viel Kontakt zur Gemeinde. Meine Schwester Margarete und mein Bruder Stephan haben im Posaunenchor gespielt. Ich war dazu noch zu klein und zu unbegabt. Seit dieser Zeit kenne ich Gerhard Schanze. Besonders gut war (und ist) der Kontakt zu Familie Katzfuß. Frau Erna Katzfuß war eine Freundin meiner Mutter und hat damals den Mütterkreis mit ihr geleitet. (Hat nichts mit dem heutigen, 1983 gegründeten Mütterkreis zu tun. MR) Familie Katzfuß ist der stärkste, fast familiäre Kontakt, den ich in Leipzig habe. 1971 saßen Sie wegen Ihres Fluchversuches in Stasihaft. Warum wollten Sie raus aus der DDR? Ich wollte Kunst studieren und das ging nicht. Es war ja damals so, dass Pfarrerskinder klein gehalten wurden. Nicht nur die Pfarrerskinder, auch die Kinder studierter Eltern, besonders wenn sich die Eltern zur Kirche bekannt haben oder sich nicht ganz staatskonform verhielten. Ich wollte unbedingt, das war ein Lebensziel von mir, einen Studienplatz an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bekommen. Erst einmal habe ich Schneiderin gelernt. Weil ich mich aber nur für Kunst interessiert habe, bin ich bei der Galerie "Kunst der Zeit" gelandet. Dort habe ich mich mit der praktischen Seite der Kunst auseinander gesetzt. Erst als ich bei "Kunst der Zeit" als Verkäuferin gearbeitet habe, wurde ich an die Hochschule delegiert - zur Abendakademie für Werktätige. Das war der erste Schritt. Das war ganz wunderbar, dass ich das machen konnte, da habe ich sehr sehr viel gelernt, das ist mir später zugute gekommen. Nach ihrer Haft und Übersiedlung in die BRD haben Sie ihr Studium in Düsseldorf fortgesetzt? Ja. Ich hatte das Glück, in Düsseldorf sofort aufgenommen zu werden und habe nach der Aufnahmeprüfung dort Bildhauerei und Malerei studiert. Konnten Sie in dieser Zeit den Kontakt nach Leipzig aufrechterhalten? Kaum. Ich durfte nicht einreisen, und so hatten sich die Kontakte selbst erledigt. Meine Eltern, vor allem meine Mutter haben zeitlebens alle Kontakte gehalten, meine älteren Geschwister, vor allem meine Schwester auch, die ja auch sehr von Leipzig geprägt war. (Die Geschwister waren vor dem Bau der Mauer in die BRD geflohen. MR) Ich selber hatte andere Dinge im Kopf. Ich führte ja auch ein ganz anderes Leben. Das war weniger ein bewusster Vorgang, das war eher, dass alles so wahnsinnig neu war. Ein bisschen haben das ja alle ehemaligen DDR-Bürger erlebt, als es auf einmal die DDR nicht mehr gab. Für mich war der Kontrast so groß, weil ich ja ein Jahr in Haft war und gar nichts hatte, auch keine Außeneindrücke. Ich bin direkt aus dieser Abgeschiedenheit, die ich nun nicht gerade klösterlich nennen möchte, aber es war eine wirkliche Isolation, in diesen prall bunten Westen versetzt worden. Ich kam mir vor wie in diesem Song von Nina Hagen "...alles so schön bunt hier", so war es wirklich! Ich hatte zu tun, dort anzukommen. In einigen wenigen Sachen habe ich mir ganz bewusst meine äußerst praktischen und mehrschichtigen "Ostwurzeln" erhalten. Da spielte sicher auch Ihre Erziehung eine Rolle? Was heißt Erziehung? Erzogen wird man ja z. B. auch von der Stadt, in der man lebt, von dem sozialen Gefüge. Das ist etwas ganz Prägendes. Auch das christliche Umfeld, das ich als Kind hatte, bedeute sehr viel. Es war eben die "Kirche in der DDR", also die einzig legale Opposition, wenn man so will. Das war schützend und Rückrat bildend. Dann kam die Wende. Sicher war Ihr erster Gedanke nicht Leipzig... Doch! Ich wollte unbedingt nach Leipzig, ich hatte richtig Sehnsucht! Verglichen mit Leipzig ist Düsseldorf eine Patchwork - Stadt. Leipzig ist eine Stadt, die ist so vollkommen als urbanes, gewachsenes Wesen, das könnte man nicht besser erfinden. Dieser innerstädtische Kern, von dem aus alles nach außen gewachsen ist in schönster Form, diese Gründerzeithäuser, die waren damals schon ziemlich verfallen. Trotzdem: diese Stattlichkeit, das war etwas prägendes, überall grün und diese Anhäufung von Kultur! Dr. Marx, der hier sehr lange Stadtführer war, hat mir einmal erzählt, Leipzig ist als Millionenstadt angelegt und auch die Kultur, die die Leipziger zur Verfügung haben, ist eigentlich Kultur für eine Millionenstadt. Düsseldorf hat auch Kultur, na klar, die haben eine Oper und tolle Konzerte und super Museen, aber nicht so komprimiert! Das hat mir gefehlt, ohne dass ich das damals so hätte auf den Punkt bringen können. Und warum ziehen sie dann nicht einfach wieder nach Leipzig? Tja, jetzt habe ich Kinder die Rheinländer sind, mein Mann kommt von dort und inzwischen habe ich dort mein soziales Netz. Ich habe tatsächlich mit dem Gedanken gespielt. Aber es ist auch sehr schön, ab und zu her zu fahren und dann wieder zurück zu fahren. Das ist gar nicht so schlecht... Nun haben Sie zwei Wurzeln: Leipzig und Düsseldorf Ja, wie eine doppelte Möhre. Die Wurzeln sind doch das, was das Leben gibt. Oder? 1998 das Studio in Leipzig... Durch Familie Katzfuß erfuhr ich 1998, das der Turm der Versöhnungskirche leer stand. Ich kannte den Turm noch als Kirchnerwohnung. Familie Müller wohnte dort. Meine Anfrage an Herrn Pfarrer Dr. Sieghard Mühlmann, ob ich eine Etage des Turms als Atelier nutzen dürfte, wurde von ihm an den Kirchenvorstand weitergegeben. Nachdem ich mich beim Neujahrsempfang 1999 persönlich vorgestellt habe, wurde meine Frage positiv beantwortet. Seitdem bin ich in unregelmäßigen Abständen, aber mehrfach im Jahr der "Turmgeist". Ich kann im Turm der Versöhnungskirche sehr gut arbeiten. Die Atmosphäre ist sehr positiv. Es ist mir in diesem Turm so, als würden zwei Väter auf mich aufpassen. Der große Vater und mein eigener, Otto Lipski (1901 - 1973). Fühlten Sie sich in Leipzig empfangen? Ja, doch! Es war als währ ich gar nicht lange weg gewesen. Anlässlich meiner ersten Ausstellung 1999 in Leipzig habe ich viele Freunde von früher wiedergetroffen. Es stand in der Leipziger Volkszeitung und sie sind alle gekommen um mich wiederzusehen, nach so vielen Jahren. Zum Glück habe ich meinen Kindernamen als Künstlernamen behalten, so konnte man mich am Namen erkennen. Lassen Sie uns noch einmal auf die Gemeinde zurückkommen: Sie unterstützen uns und die Sanierung unserer Kirche auch finanziell? Gelegentlich, ja. 1999 hatte ich eine Doppelausstellung: In der Dresdner Bank durch den neuen Leipziger Kunstverein und hier in der Kirche. Die Einnahmen aus den Verkäufen der Ausstellung in der Kirche habe ich der Gemeinde für die Kirchenrenovierung gespendet. Dann gab es 2005 die Installation von 130 Flammen in der Peterskirche. Die Flammen konnte man kaufen, vom Erlös habe ich 1/3 ebenfalls an die Gemeinde gespendet. Sie haben ja sehr schön im Gemeindebrief darüber berichtet. Und die Präsentation der Installation auf Ihrer Internetseite ist wirklich sehr informativ. Vielen Dank. Übrigens können noch Flammen gekauft werden, da sind noch viele übrig. Zwei werde ich in meinem Studio im Kirchturm ausstellen. Was ist denn aus Ihren Kunst-Lehrgängen geworden? Ich habe einen Lehrgang "Zeichnen" im Saal des Bonhoeffer-Hauses angeboten. Die Lehrgangsgebühren der Teilnehmer waren für die Kirchenrenovierung bestimmt. Ich freue mich, wenn ich helfen kann. Der zweite Lehrgang war dann leider nicht so toll besucht. Vielleicht war ich nicht präsent genug in der Gemeinde? Das ändern wir ja mit diesem Gespräch... Was sind denn Ihre weiteren Pläne? Also da gibt es einiges. Aber da möchte ich noch nicht darüber sprechen. Na dann lassen wir uns überraschen. Vielen Dank für das Gespräch. Interview: Matthias Rudolph |