Karfreitag und Ostern 2010

Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! (Joh 14,1)


Von Pfarrer Dr. Matthias Richter


Nachtfoto der St. Sturmius-Kirche in Rinteln
St. Sturmius-Kirche in Rinteln
Foto: © Matthias Rudolph

Jesus sagt dies zu seinen Jüngern zu Beginn seiner sogenannten Abschiedsreden, in denen er seine engsten Freunde darauf vorbereitet, was auf ihn zukommen wird und mit denen er ihnen ein Stück weit zumindest die Angst nehmen möchte. Er, der selbst bald mit der Angst ringen wird vor dem Tod, der dann, so berichten es die anderen Evangelien, zu Gott rief, ja schrie: "ein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" - und der dennoch oder gerade deswegen festhielt an der Liebe zu Gott, seinem Vater.

In all dem, was wir bisher erlebt haben und was vielleicht noch kommen wird, ist eins gewiss: dass sich unser Leben abspielen kann zwischen ganz erheblichen Extremen. Da sind auf der einen Seite überschwängliche Freude und unsagbares Glück und da sind auf der anderen Seite manchmal auch abgrundtiefe Trauer, Enttäuschung und Schmerz.

Da ist auf der einen Seite das Glück über ein gesundes Kind, ein Kind das heranwächst, lernt und gute Freunde hat und später mit dem Studium beginnt oder eine Lehrstelle bekommt, da ist die Freude über eine intakte Familie, über treue Freunde, da ist das Glück über eine Arbeit, die soviel Freude macht, und über die Beheimatung in einer Kirchgemeinde, in der ich ein offenes Ohr und vielleicht sogar Freunde finde.

Auf der anderen Seite ist aber auch die Sorge um Freunde und Bekannte, die Mobbing ausgesetzt sind auf der Arbeit, die vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht oder gar schon lange ohne Arbeit sind. Da denke ich an Menschen, ja Bekannte und Freunde, die sich auf Grund von Problemen auf ihrer Arbeit in psychiatrischer Behandlung befinden oder gar von Suizidgedanken gequält werden. Da ist der viel zu frühe Tod geliebter Menschen und da sind Probleme, die sich aus extrem schwierigen Familienverhältnissen ergeben. Ganz zu schweigen von dem Blick auf die Probleme, mit denen unser Land zu kämpfen hat und darüber hinaus ganz Europa. Da denken wir aber auch an die globalen Probleme unserer Erde, an die sogenannte Klimakatastrophe und an die zum Himmel schreiende Schande, dass es trotz des Reichtums vieler Staaten Länder gibt, wo noch heute Tag für Tag Hunderte oder gar Tausende an Hunger sterben.

Ich denke aber auch an ganz persönliche Erlebnisse, die mir und den Meinen den Schrecken und das blanke Entsetzen ins Gesicht gejagt haben. Da waren wir, meine Frau und ich und unsere Tochter gemeinsam mit ihrer Freundin aus England, an einem Sonntagnachmittag im Sommer 2007 von Naumburg zurück nach Leipzig unterwegs auf einer ganz langgestreckten Straße, als uns ein Auto entgegenkam - und dieses Auto wurde dann überholt. Das Problem war nur, dass der Überholvorgang kein Ende nahm, Sekundenbruchteile, dann wäre es zu spät und wir wohl auf der Stelle tot gewesen. Es waren am Ende nur 4-5 Zentimeter zwischen diesem und unserem Auto. In Bruchteilen von Sekunden lief da ein Film meines Lebens ab. Und wir beide, meine Frau und ich vorn im Auto waren kreideweiß vor blankem Entsetzen. Augenblick mal ...

Da habe ich, da haben wir geahnt, ja gespürt, dass uns jemand beschützt und gerettet hat, und dass dieser jemand niemand anders als Gott selbst war. Gott selbst hatte gleichsam seine Hand über uns gehalten.

Und da war und ist er wieder, dieser Zuspruch Jesu: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Dieser Zuspruch bewahrheitet sich, ja erweist seine Tragkraft besonders da, wo Rettung durch Gott und Bewahrung erfahren wird, im Rückblick, und dann kann unser Herz wieder fröhlich werden und stark, und wir können singen mit den Worten der Psalmen, aus dem 103. vielleicht oder dem Ps. 121: "... Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht ... Der Herr behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!"

Ich denke zweitens an einen Freund von mir, der kurz nach der Wende von der Universität Jena nach Paris ging an die Sorbonne, um dort für ein Jahr zu unterrichten und Vorlesungen zu halten. Entgegen allen Versprechungen, dass er nach seiner Rückkehr weiter als Assistent in Jena arbeiten könne, hatte man dann, als er zurück kam, die Stelle hinter seinem Rücken gestrichen. Entsetzen und Fassungslosigkeit hatten ihn da gepackt und er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber da waren so viele, die ihm den Rücken gestärkt und neuen Mut gemacht haben, Eltern, Freunde und Kollegen, durch die Gott selbst ihm neuen Mut und Hoffnung geschenkt hat. Er hat gespürt: so viele nehmen Anteil und empfinden mit. Und es war schön für ihn, das zu spüren.





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