Von Johannes Klemm*
Es ist der 3. Mai 1728. Eine Gruppe von ganz unterschiedlichen Menschen hat sich im Betsaal des kleinen Örtchen Herrnhuts versammelt, um dort gemeinsam die allabendliche Singstunde zu feiern. Es sind Bauern, Zimmerer oder Schuster aus Böhmen und Mähren, pietistische Bürgersfrauen, lutherischer Landadel, reformierte Staatsdiener und dazwischen der junge Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760), der diesen Menschen auf seinem Landgut eine Wohnstätte angeboten hat. Die meisten von ihnen waren Glaubensflüchtlinge, die nun unter des "Herren Hut" ein Exil gefunden haben. Herrnhut entwickelte sich rasch zu einer Anziehungsstätte von Christen unterschiedlichster Konfessionen, die in diesem Ort eine Gemeine nach urchristlichem Vorbild formen wollten. Der experimentierfreudige Zinzendorf etablierte neben den regulären Gottesdiensten eine Fülle von liturgischen Traditionen, die auch dazu dienen sollten, die Gemeinschaft dieser unterschiedlichen Menschen zu stärken.
Zum Ende der Singstunde, einer Art Gottesdienst, in der anstelle einer Predigt Liedstrophen gesungen werden, hält Zinzendorf kurz inne und dichtet aus dem Stand einen innigen Vers, den er seiner Gemeine als Parole, als Ermunterung und Segen für den nächsten Tag mitgibt: "Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riss ihn von dem Thron, und ich sollte ihn nicht lieben?"
Mit diesem Einfall wurde eine Tradition geboren, die fortan in Herrnhut das Leben bestimmte. Jeden Morgen machen sich Brüder oder Schwestern mit einem Bibelwort oder Liedvers auf den Weg zu den Häusern, um Gottes Wort für den Tag zu den Familien Herrnhuts zu bringen.
Schon bald begann man damit, Verse aus dem Alten Testament auszulosen (daher der Name Losungen) und dann zu den Geschwistern zu bringen. 1731 erschien das erste gedruckte Losungsbüchlein. Im Spätherbst 2004 kommt die 275. Ausgabe der Herrnhuter Losungen in den Handel und gelangt danach auf die Frühstückstafeln oder Nachttische von mehr als einer Million Haushalten in Deutschland. Auch wenn die Losungen in keiner Bestsellerliste auftauchen, sind sie für viele Menschen weltweit ein unverzichtbarer Begleiter für jeden Tag. Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine wollen Gottes Wort in unseren Alltag bringen. Wir merken dabei immer wieder, dass es manchmal nicht leicht zu verstehen ist, dass es uns korrigieren, aufrütteln, aber auch immer wieder ermuntern, stärken und trösten kann.
Wenn wir die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine in den Händen halten, so können wir uns verbunden wissen mit einer weltweiten Gemeinschaft von Christen, die jeden Tag in 50 Sprachen, von "Afrikaans bis Zulu", die Losungen und Lehrtexte lesen. Die Losungen, die im Herrnhut des 18. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichster konfessioneller Herkunft und Tradition, Bauern, Handwerker, Bürgerliche und Adlige vereinte, überschreiten auch heute noch zahlreiche kulturelle und nationale Grenzen.
In Herrnhut erscheint zudem am 16. Oktober 2004 die einhunderttausendste gedruckte Tageslosung. Das ist Grund genug mit zahlreichen Gästen aus aller Welt ein ganzes Wochenende lang dieses Jubiläum zu feiern. Alle Leser, die daran teilnehmen und mehr über die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine erfahren möchten, sind herzlich zu diesem Fest eingeladen. Weitere Informationen zu den Losungen finden sich auch unter: www.losungen.de.