Zum 60. Todestag Dietrich Bonhoeffers


"Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen."

Dietrich Bonhoeffer
04.02.1906 - 09.04.1945



Von Pfarrer Dr. Sieghard Mühlmann

Am 9. April 1945, wenige Tage vor Ende des 2. Weltkrieges, werden im Konzentrationslager Flossenbürg/Bayerischer Wald Admiral Wilhelm Canaris, General Hans Oster, Chefrichter des Heeres Karl Sack, Hauptmann Ludwig Gehre und der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit anderen hingerichtet. Sie bezahlen den Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus mit ihrem Leben.

Die Bilder des Films über Dietrich Bonhoeffer und seine Mitstreiter und ihr Wirken im Widerstand mit dem Titel "Die letzte Stufe" wirken noch nach in unserer Erinnerung und hinterlassen einen intensiven Eindruck der Ereignisse.

In wenigen Tagen jährt sich der 60. Todestag dieser mutigen, ihrem Gewissen gehorsamen Männer. Unsere Gemeinde, die ihr Gemeindehaus dem Andenken Dietrich Bonhoeffers gewidmet hat, will im Jahr 2005 in besonderer Weise und mit verschiedenen Beiträgen an Dietrich Bonhoeffer und alle Männer und Frauen des Widerstands gegen Völkermord, Unmenschlichkeit und Terror in der Zeit des barbarischen tausendjährigen Reiches erinnern. In unserem Land geht die Angst vor einem Erstarken rechtsextremer Parteien um. Das focussiert unser Erinnern an Bonhoeffer auf die Periode deutscher Geschichte, in der der Nationalsozialismus an die Macht drängte. Was haben Christen getan, um Hitler zu verhindern? Wir können als Antwort darauf erzählen, was Dietrich Bonhoeffer in kritischer Zeit versuchte. Aber: war sein Protest nicht schon zu spät?

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler, Vorsitzender der NSDAP, zum Reichskanzler ernannt.Hitler hatte seine Partei zur "Führer-Partei" entwickelt. Man erhoffte allenthalben von einem "starken Mann" die Beendigung der wirtschaftlichen und politischen Krise der späten Weimarer Republik und den Abbau der Massenarbeitslosigkeit, ca. 8 Millionen ohne Arbeit. Viele glaubten den Versprechungen des "Führers". Hitler schien für viele der rechte Mann.

Dietrich Bonhoeffer arbeitete in den unruhigen Wochen vor dem 30. Januar an einem Vortrag, den er am 1. Februar in der Berliner Funkstube halten sollte. In der kulturellen Abteilung der Berliner Funkstube arbeiteten u.a. Jochen Klepper und Kurt Ihlenfeld. Es wird wohl unbekannt bleiben, warum gerade Dietrich Bonhoeffer und auf wessen Empfehlung hin zum Rundfunkvortrag eingeladen wurde. Vielleicht passte sein Thema, das viele bewegte, genau in die politischen Diskussionen in Berlin: "Der Führer und der einzelne in der jungen Generation."

Mit "junger Generation" meint Bonhoeffer all jene, die unmittelbar den 1. Weltkrieg, die Jahre nach dem Zusammenbruch und die Zeit nach 1926 erlebten und schlimme Erfahrungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden machen mussten. "Sie (die junge Generation, S.M.) ist herangereift in einem Geschichtsraum, in dem die bisher festgegründete Welt des Abendlandes aus den Fugen ging, Krieg, Nachkrieg, Krise. So konnte die ihr zugefallenen innere Aufgabe nichts anderes sein als der Versuch, sich nicht in einen völligen Zusammenbruch mit hineinreißen zu lassen, sondern irgend einen Halt zu finden, die ihr das Weiterexistieren ermöglichte.". Auf der Suche nach festem Halt rief man nach neuer Autorität, nach Bindung und Gemeinschaft. So kam die Sehnsucht nach einem "Führer" in die Köpfe.

Bonhoeffer zeigt Verständnis für die Enttäuschungen, Bedürfnisse und Ängste der jungen Generation. Er kann deren Sehnsucht nach Wertorientierung und das Streben nach Sicherung der Existenz nachvollziehen. Aber er bemüht sich, ihr Bild vom Führer zu korrigieren. Er stellt sich mit dem Vortrag einem Zentral-Begriff nationalsozialistischen Staatsverständnisses.

Er sieht die Gefahr, dass der Führer religiöse Funktion übernimmt und zum Messias wird. Der ersehnte "starke Mann" dürfe sich aber nicht an die Stelle Gottes setzen, nicht über Gut und Böse, Tod und Leben entscheiden. Er müsse sich stets vor Gott als letzter Instanz und den Geführten verantworten.

Bonhoeffer unterscheidet zwischen Reich und Staat. Der Führer könne nur eine Funktion, ein Amt im Staat wahrnehmen, er dürfe aber nicht zur obersten Instanz eines quasireligiösen Reiches ("Tausendjähriges Reich", S.M.) werden. "Er muß sich dem Reize, der Abgott, d.h. die letzte Autorität des Geführten zu werden, radikal versagen."

Prophetisch warnt Bonhoeffer: "Es ist die furchtbare Gefahr der Gegenwart, daß wir über dem Schreien nach Autorität, des Führers oder des Amtes, vergessen, daß der Mensch einzelner ist vor der letzten Autorität und daß jeder, der sich hier am Menschen vergreift, ewige Gesetze verletzt, übermenschliche Verantwortung auf sich lädt, die ihn zuletzt erdrückt. Das ewige Gesetz des Einzelnerwerdens vor Gott rächt sich furchtbar, wo es angetastet und gebeugt wird. So weist der Führer auf das Amt, Führer und Amt aber auf die letzte Autorität selbst, vor Reich und Staat vorletzte Autoritäten sind. Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes ... und müssen zerbrechen."

An dieser Stelle wurde das Mikrofon abgeschaltet. Anfang März 1933 konnte Bonhoeffer den Vortrag in erweiterter Form an der Hochschule für Politik in Berlin ungestört zu Ende halten.

Der Abbruch des Rundfunkvortrages war kein gutes Omen. Am Abend des 1. Februar spricht Hitler von Berlin aus erstmals im Rundfunk in seiner neuen Funktion und verliest einen Aufruf der Reichsregierung an das Volk.

Bonhoeffer warnt am 14. Februar seinen Briefpartner, dass das Briefgeheimnis zur Zeit nicht gelte. (zitiert aus Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, hrsg. von Eberhard Bethge, 1. Bd., München 1958 S.38). Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar setzte offiziell eine Verordnung die wesentlichen Grundrechte außer Kraft. Daran änderte sich nichts bis zum Zusammenbruch des Regimes 1945.

Der "Führer" beginnt sein menschenverachtendes Programm umzusetzen. Am 21. März wird in Oranienburg das erste KZ eingerichtet. Die Ausgrenzung der Juden beginnt in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit mit einer Boykottaktion gegen jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäfte am 1. April.

Der "Arierparagraph" des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April stellt auch die Kirchen vor die Frage, ob sie jüdische Menschen als Pfarrer, Kantoren, Verwaltungsbeamte beschäftigen dürfen. Bonhoeffer greift diese Frage in einem am 15. April fertiggestellten Vortrag auf: "Die Kirche vor der Judenfrage".

Recht schnell wird deutlich, dass die Warnungen Bonhoeffers vor einem Führer, der sich über Menschenwürde und -rechte hinwegsetzend die Stelle Gottes beansprucht, nicht als akademische Meinungsäußerung zu verstehen waren. Bonhoeffer forderte, dass sich der Staat, der Recht schafft, an Gottes Gebot zu orientieren hat, mehr noch, dass der Staat von der Verkündigung des Wortes Gottes und vom Glauben seine Legitimation erhält. "Der Staat, der die Christliche Verkündigung gefährdet, verneint sich selbst." Daraus folgt u. a., dass "die Kirche den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet" ist, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören. Wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, dann hat sie nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern sie hat dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.

Bonhoeffers Weg in den Widerstand gegen Hitler ist vorgezeichnet. Er opfert seine akademische Karriere dem kompromisslosen Kampf gegen den Nationalsozialismus. Er bleibt in Deutschland, obwohl sich ihm mannigfache Möglichkeiten boten, das Land zu verlassen. 1936 wird ihm die Lehrerlaubnis entzogen, 1938 wird er aus Berlin ausgewiesen, 1940/41 mit Rede- und Schreibverbot belegt. Allerdings kann er ab 1935 als Studiendirektor des Predigerseminars der "bekennenden Kirche" künftige Pfarrer in Vorlesungen und Gesprächen auf die menschlichen und geistlichen Herausforderungen einer dem Unrecht widerstehenden Kirche vorbereiten.

1937 erscheint sein Buch "Nachfolge", eine Auslegung der Bergpredigt, 1939 "Gemeinsames Leben". Später Geschriebenes kann erst nach seinem Tod erscheinen.

Seit 1938 ist Bonhoeffer in Staatsstreichpläne gegen Hitler eingeweiht. Er übernimmt wichtige konspirative Aufträge der Widerstandszelle im Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht unter Admiral Canaris. Seine reichen ökumenischen Kontakte, geknüpft während vieler Auslandsaufenthalte als Student, Pfarrer, Dozent und Mitarbeiter ökumenischer Dienststellen u.a. in New York und London ermöglichen es ihm, auf Reisen im Auftrag der Abwehr die Ziele des Widerstandes in Deutschland gegen Hitler den damaligen Feindmächten bekannt zu machen.

Seine aktive Beteiligung im Kampf gegen Hitler ist Ausdruck seines christlichen Glaubens.

Im April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Was er in der Haft niederschrieb, wurde u. a. in "Widerstand und Ergebung" veröffentlicht. Man kann nachvollziehen, wie der Häftling seinen Glauben unter existenzbedrohenden Bedingungen leben und bewähren muß. Er lernt einen Gott kennen, der schweigt, einen Gott, dessen man mit Begriffen der theologischen Systeme des Abendlandes nicht habhaft werden kann. Angesichts des unsäglichen Leides, das der Führer über die Menschen gebracht hat, fehlen Antworten auf die vielen Fragen. Aber der Häftling erfährt, dass Gott als Leidender in dieser Welt ist, ohnmächtig und dienend. Gott leidet mit den Leidenden, ihre Not verwandelnd. Dies begreifend, kann Bonhoeffer seinen Mitgefangenen Partner und Bruder im Elend des Kerkers werden. Wenn Bonhoeffer von einem "religionslosen" Christentum schreibt, dann meint er, Christsein muß in verantwortlichem und vor einer letzten Instanz verantwortbarem Handeln für die Menschen bestehen.


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